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Hamburg - Saarland

Die Reise in das Mandelbachtal

Die Gegend, in der mein Elternhaus steht ist flach. Die höchste natürliche Erhebung ist die Kuh. Ich war aber auch schon in der Nordheide und in Altona, wo es Berge gibt, die so etwa 50 bis 60 m hoch sind. Diese Fahrten waren aber leider keine genügende Vorbereitung auf das, was mir bevorstand.

Im Frühjahr 1998 bekam die Fahrrad AG der TU Harburg eine Einladung der Liegeradgruppe Saarpfalz zu den Ersten Mandelbacher Fahrrad- und Tandemtagen. Die Veranstaltung war sehr verlockend, unter anderem weil dort ein Liegeradrennen auf abgesperrter Strecke stattfinden sollte.

Da ich den Sommer nichts Vernünftiges zu tun hatte, schickte ich die Anmeldung an die Liegeradgruppe Saarpfalz. Einige Tage später bekam ich einen Anruf von einem Herrn Schwarzenberg. Der Name kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich merkte schnell, daß er nichts mit der Schwarzenbergstraße zu tun hatte. Unter anderem gab er mir nützliche Tips für die Anreise nach Blieskastel. Von Bad Kreuznach an solle ich den Nahe-Radweg nehmen, da ich ansonsten einen an einer Autobahn verlaufenden 70 cm breiten Radweg fahren müßte. So etwas seien wir in Hamburg gewohnt, antwortete ich. Er schickte mir auch noch einen dicken Umschlag mit einer Menge Information über das Saarland im allgemeinen und Kunst und Kultur im besonderen.

Damit ich ein Dach über dem Kopf hätte, lieh Olaf mir sein Zelt.

Am 7. Juni fuhr ich mit meinem ungefederten Kurzlieger 16 V von Radius von Harburg los. Gleich vor dem Haus legte ich mich erstmal auf das Hinterteil, weil ich das Fahren mit der vollbeladenen und stark achterlastigen 16 V nicht gewohnt war. Also flog alles aus den Taschen, was nicht lebensnotwendig war, als erstes die Kamera.

Bis zur Einmündung der Landstraße nach Moisburg in die B 3 kannte ich die Strecke, und Hannover ist ja wohl auch nicht schwer zu finden, immer die B 3 lang und ab Bergen die Landstraße über Walle, Winsen, Oldau, Fuhrberg und Burgwedel. Südlich von Harburg begann es zu regnen, und der Wind kam aus Südwest. Bei Sprötze, also nach 33 km, der erste Platten, am Hinterrad natürlich. Das war die Strafe für meinen Leichtsinn, auf dem Radweg zu fahren, der offenbar seit Ewigkeiten nicht gefegt worden war. Auch in der Decke war ein Loch, das ich versuchte, mit der bewährten Hanfflicken-Methode zu reparieren. Der Flicken hat allerdings wegen der Nässe nicht gehalten. Je näher ich Hannover kam, desto schlimmer wurde der Regen. Auf der Bundesstraße Richtung Fuhrberg konnte ich nur 20 m weit sehen. Von Burgwedel rief ich nochmal meine Dachgeber in Lahe an, zur genauen Einweisung. Leider fand ich trotz detaillierter Wegbeschreibung nicht dorthin, mein Dachgeber sammelte mich und meine 16V im Dustern irgendwo in der Niederhägener Bauernschaft auf und fuhr uns beide mit dem Auto zu sich nach Hause.Gefahrene Strecke: 157,3 km
Zeit: 7:28:22 h
Schnitt: 21,04 km/h


Für den nächsten Tag hatte ich mir Soest vorgenommen, bis Hameln die B 217 und dann einfach immer die B 1 entlang. Allerdings brauchte ich allein mindestens eine Stunde, um durch Hannover zu kommen. (Schlußfolgerung daraus: Größere Städte sollte man lieber umfahren). Kurz vor Springe stand bzw. steht wahrscheinlich immer noch ein Schild an der Bundesstraße, das diese ab dort zur Kraftfahrstraße macht. Leider kein Hinweis, wo man denn als Radfahrer abbleiben soll. Sehr behaglich war mir nicht zumute, erst recht nicht, als der Seitenstreifen endete. In Springe versuchte ich dann, eine Straße zu finden, auf der ich mich legal bewegen durfte. Ich landete in Bad Münder. Vom Regen in die Traufe. Von dort gehen anscheinend nur Kraftfahrstraßen ab, ein Kurort nur für Autofahrer! Ich fand schließlich eine mit einem parallelen Wirtschaftsweg. Der endete dann allerdings nach wenigen Kilometern und ich mußte wieder auf die Fahrbahn. Durch die Suche nach der Fortsetzung des Wirtschaftsweges war mein Zeitplan dahin. Ich nahm mir Horn-Bad Meinberg vor und rief meine Dachgeberin in Soest an, daß ich es heute nicht bis zu ihr schaffen würde. In Horn übernachtete ich in der Jugendherberge.Gefahrene Strecke: 150,52 km
Zeit: 8:16:05 h
Schnitt: 18,20 km/h


Das Frühstück in der Jugendherberge am nächsten Morgen war fürstlich, bis auf das Nutella habe ich alles aufgegessen. Mein Fahrrad erntete bei den Schulkindern, die sich vor der Herberge zum Ausflug versammelten, allgemeine Bewunderung. Ich fuhr dann die B 1 bis Paderborn, wo ich eine kurze Rast machte. Leider ließ ich mich wieder von einem Kraftfahrstraßen-Schild beeindrucken und versuchte, auf einem, wie es schien, der Straße parallelen Asphaltweg weiterzukommen. Der führte auf das Nixdorf-Firmengelände. Die Pförtnerin war sehr freundlich und beschrieb mir den Weg hinaus. Ich hatte endgültig die Faxen dick. Über die Dörfer zu fahren geht wahrscheinlich doch schneller, als auf Bundesstraßen ständig aufgehalten zu werden. Ich stellte fest, daß das Lipper Land sehr schön ist, und wünschte mir, hier einfach nur zum Vergnügen und ohne Gepäck herumzufahren. Auf dem Weg nach Büren führte eine richtige Serpentine zur Alme hinunter. In Büren war ein neuer Umwerfer-Schaltzug fällig, den ich gleich vor dem Laden einbaute. Die Zweirad-Händlerin bewunderte mich für mein Vorhaben, ins Saarland zu fahren.

Etwa 10 km vor Soest, nach einem steilen Aufstieg aus einem idyllischen Tal, hatte ich ein ungewohntes Ziehen im linken Oberschenkel. Ich legte mich zur Entspannung für eine Viertelstunde auf die Wiese neben der Straße. Soest erreichte ich am Nachmittag so gegen 16.00 bei sonnigem aber nicht sehr warmem Wetter. Der Wind wehte übrigens immer noch aus Südwest. Im Postamt besorgte ich einige Ansichtskarten, die ich lieben Freunden in Harburg und Hamburg schickte. Die Altstadt von Soest enthält leider sehr viel Kopfsteinpflaster, und wenn ich Kopfsteinpflaster schreibe, dann meine ich auch Kopfsteinpflaster, ansonsten ist die Stadt fahrradfreundlicher als Hamburg. Meine Dachgeberin Regina freute sich über meinen Besuch. Wir machten einen kleinen stadtgeschichtlichen Rundgang, und sie erzählte mir von dem Skandal und wochenlangen Leserbriefschlachten um einen Wüstling auf dem Fahrrad, der in den Wallanlagen einen Hund totgefahren hatte. Am Abend gingen wir in eine Kneipe, in der es unglaublich leckere Croques gibt.Gefahrene Strecke: 95,09 km
Zeit: 4:53:40 h
Schnitt: 19,42 km/h


Da mein Zeitplan jetzt durcheinander war, disponierte ich um und nahm mir vor, einen Teil der Reise bis Koblenz mit der Eisenbahn zurückzulegen.

Am anderen Morgen, als ich weiterfahren wollte, war zur Abwechslung der Vorderreifen platt. Nachdem ich den Schlauch geflickt und mich von meiner Gastgeberin verabschiedet hatte, fuhr ich zum Bahnhof. Dort gibt es eine vorbildliche Einrichtung, nämlich eine Fahrrad-Service-Station mit Fahrrad-Verleih und Ersatzteil-Verkauf. Man lieh mir den Kompressor, so daß ich mit dem vorgeschriebenen Reifendruck weiterfahren konnte.

Auf meiner Bahnfahrt mußte ich in KölnDeutz umsteigen. Es gibt kaum etwas hassenswerteres als mit einem vollbeladenen Fahrrad in KölnDeutz von Gleis 5 nach Gleis 3 umzusteigen, noch dazu, wenn man dafür nur 7 Minuten Zeit hat. Als ich alles im unteren Stockwerk des Bahnhofes hatte, war mein Anschlußzug natürlich weg, und ich konnte alles wieder nach Gleis 5 hochschleppen, von wo der nächste Zug Richtung Koblenz fuhr. Dafür war die Bahnfahrt den Rhein aufwärts sehr entspannend.

In Koblenz angekommen, kümmerte ich mich erstmal um eine Übernachtungsmöglichkeit. Laut ADFCDachgeber sollte es dort jemanden geben, der 99 Zeltplätze anbietet. Also dachte ich, ich könne mir ein Ferngespräch sparen und mich von dort anmelden, denn daß die Plätze alle besetzt sein könnten, sei jawohl sehr unwahrscheinlich. Nur - unter der angegebenen Nummer meldete sich jemand ganz anderes, der leider keine 99 Zeltplätze anzubieten hatte. Ich telephonierte in der Gegend herum. Wohl wegen des morgigen katholischen Feiertages waren schon viele Leute ins verlängerte Wochenende abgereist und nicht zu erreichen. Ich erwischte noch einen, etwa 30 km außerhalb. Besser als nix, dachte ich in maßloser Unterschätzung des Geländeprofils. Am Rande des Kannenbäckerlandes, hoch über dem Deutschen Eck, verließen mich die Kräfte. Eine hübsche Gegend, um die gute Luft und die Einsamkeit der Wälder zu genießen. Ich tat etwas, was ich lieber gleich hätte tun sollen: Ich rief den Dachgeber an, daß ich doch nicht käme und suchte in der Karte einen Campingplatz am Rhein. Bei der rasenden Fahrt bergab entging meinen Augen nicht eine Radwegauffahrt, die leicht als versuchte schwere Körperverletzung ausgelegt werden könnte: Ein Seitenstreifen endet an einer Einmündung von rechts und wird als Bordstein-Radweg weitergeführt, wobei allerdings die weiße Linie etwa 30 cm vor dem Kantstein fortgesetzt wird. Noch dazu ist die Absenkung ausgesprochen schlampig ausgeführt. Mein Glück, daß ich davon Abstand gehalten habe, und nicht mit 50 Sachen da draufgefahren bin!

Der Campingplatz sollte in Lahnstein sein. An der Flußmündung fragte ich eine einheimisch aussehende Frau nach dem genauen Weg. Als ich, ihrer Wegbeschreibung folgend, etwa 3 km auf einem teilweise befestigten Weg durch das enge Tal flußaufwärts gefahren war, sah ich den Zeltplatz auf dem anderen Ufer. Als ich an der Mündung den Fluß überquert hatte, fand ich auch einen Stadtplan von Lahnstein.

Langsam dämmerte es schon, und besonders hell ist es in diesem Tal ohnehin nicht. Die Wirtin von der Wolfsmühle wies mir einen Platz am Ufer unter einem großen Baum zu, wo ich dann zum ersten Mal Olafs Zelt aufbaute, ohne Zwischenfälle. Vor einigen Campern drehte ich eine kleine Vorführrunde mit der 16V. Huh, wie leicht war sie plötzlich!

Ich gab meine Rundstückbestellung ab, nahm mein Abendbrot ein, legte mich hin und schlief wie ein Stein.

Am nächsten Morgen war ich nach dem Frühstück wieder bei Kräften. Ich baute das Zelt ab und schüttelte die Ohrwürmer heraus. Die Wirtin verabschiedete mich herzlich, wünschte mir alles Gute für die Reise und daß ich bald wiederkäme. Der Hofhund, ein ungewohnt unfreundlicher Dalmatiner, verabschiedete mich grollend.

Auf der B 42 fuhr ich nun immer stur den Rhein aufwärts bis Kaub. Das Wetter wurde unfreundlicher, der Wind wehte mit etwa 4 Bft. aus Südwest und brachte Schauerböen, also rein in die Regenklamotten, raus aus den Regenklamotten. Die zerfetzten Regenwolken hingen von den Bergen in das Rheintal. Auf der Straße war nur wenig Autoverkehr, ein anständiger Katholik war jetzt schließlich bei der Prozession. Schon gestern war mir am Rheinufer immer wieder ein seltsamer Geruch um die Nase geweht, den ich irgendwo schonmal gerochen hatte. Jetzt, beim entspannten Fahren, fiel es mir wieder ein: Den Geruch kannte ich vom Praktikum auf dem Klärwerk, und so roch der TropfkörperAuslauf, also eine Zwischenstufe bei der Abwasserklärung.

Die Landschaft war für mich völlig ungewohnt. Obwohl der Rhein hier ein ansehnlicher und schiffbarer Fluß ist, macht er den Eindruck eines Gebirgsbaches, der sich durch die hohen Felsen gefressen hat. Die Strömung ist hart, mindestens 4 kn. Am Ufer, unterhalb der Straße, liegen Felsen bloß. Zwischen den hochragenden Felsen und dem Fluß ist gerade ein schmaler Uferstreifen, auf dem eine Eisenbahnlinie und die Straße Platz haben. Wo er einige Meter breiter ist, nutzen ihn die Leute noch für ein Weindorf, das aus einer Häuserzeile besteht. Die Gegend hat etwas Bedrohliches.

Bei Kaub, an der Fähre, war es zur Abwechslung mal trocken. Dort endet die B 42, weil der Uferstreifen nun endgültig zu schmal ist, und man muß übersetzen. Während der Überfahrt hatte ich einen schönen Ausblick auf die Mäuseinsel und diverse andere Klippen im Strom. Ein Ausflugsdampfer setzte gerade Touristen zum Mäuseturm über.

Weiter fuhr ich auf der B 9 Richtung Bingen. Ich hielt immer wieder Ausschau nach einem Hinweis auf einen Weg dichter am Rheinufer, ähnlich dem zwischen Koblenz und Lahnstein. Einige Kilometer oberhalb von Bacharach fand ich einen und war gleich frustriert: Ich hätte das schwerbeladene Rad durch zwei versetzt angeordnete Gitter bugsieren müssen. Und wer weiß, was mich dahinter erwartet hätte, so etwas geht normal in dem Stil weiter. Lieber bin ich auf der Landstraße weitergefahren. Bei Niederheimbach wurde ich an die Heimat erinnert, denn der Rad- und Fußweg ist dort mindestens genauso vollgescherbt wie der durch den Hamburger Hafen.

In der Gegend von Bingen erwischte mich noch ein letzter Schauer, je weiter ich aber ins Saarland kam, desto heiterer wurde der Himmel. Es wurde sogar richtig warm.

Hinter Kreuznach fand ich nach einer kurzen Orientierung mittels der Karte schnell den NaheRadweg. Schnell fand ich auch heraus, daß die Bezeichnung "Radweg" leicht übertrieben ist, denn dieser Weg verläuft durch eine Fußgängerzone und einige hundert Meter weiter durch einen Kurpark, wo es sich nicht vermeiden läßt, ab und zu Kurgäste zum hastigen Ausweichen zu zwingen. Die Ausschilderung läßt zu wünschen übrig. Man sieht die Schildchen erst, wenn man zehn Meter davor steht, und wenn man noch etwas näher kommt, erkennt man auch, in welche Richtung das kleine schwarze Dreieck weist. Wenn man den Kurpark erstmal hinter sich hat, fährt es sich sehr entspannend. Die Landschaft ist wirklich einmalig schön und abwechslungsreich. Mal ist das Tal breit und sumpfig und die Hügel zu beiden Seiten sind flach, mal bilden steile Felsen den Prallhang, mal passiert man Weinberge. Bei Sobernheim bog ich ab und folgte dem Glan flußaufwärts. Flußtäler haben den Vorteil, daß man es nicht mit mörderischen Steigungen zu tun hat. Trotzdem hatte ich einige Kilometer oberhalb von Meisenheim solche Schmerzen in den Knien, daß ich die Karte hervorholte um den nächsten Zeltplatz ausfindig zu machen. Statt in Matzenbach am Glan beendete ich die Etappe in Wolfstein. Dort gibt es einen sehr schönen, ruhigen Campingplatz mit allem Komfort und Fledermäusen. Beim Abendessen in der Kneipe las ich in der Zeitung etwas über die gerade herrschende Schafkälte.Gefahrene Strecke: 143,32 km
Zeit: 7:44:10 h
Schnitt: 18,52 km/h


Am anderen Tag fuhr ich Richtung Kaiserslautern weiter, weil ich hoffte, in der Gegend von Katzweiler auf den in der Karte dick und rot eingezeichneten Westpfälzischen Radwanderweg zu stoßen. Dort fand ich ihn aber noch nicht. Kaiserslautern ist abschreckend für Radfahrer. An einer Kreuzung zweier Bundesstraßen steht ein Wegweiser für oder vielmehr gegen Radfahrer Richtung Landstuhl, wo ich hinwollte. Wenn man aber den Hügel hinab gefahren war, merkte man, daß man sich auf dem Weg nach Pirmasens befand. Etwa fünf Kilometer hinter Kaiserslautern fand ich endlich diesen Westpfälzischen Radwanderweg und hatte von ihm gleich die Schnauze voll, denn auf dem mit etwas Asphalt vergossenen Schotter zog sich mein Hinterrad sofort einen Platten zu. Während ich flickte, fluchte ich und war dem Heulen nahe, teils über diesen organisierten Schwachsinn, teils über meine Naivität. Vorsichtig und langsam, Kanten und Stufen meidend setzte ich meinen Weg nach Homburg fort. Als ich die Stadt erreicht hatte, nahm ich mir fest vor, auf die linken Radwege an der Bundesstraße nicht mehr hereinzufallen, falls es mich noch einmal in diese Gegend verschlagen sollte. Meine Knie werden es mir danken, zügig durchzufahren, statt alle paar hundert Meter am Ende des Radweges anzuhalten und, eine Lücke im Autoverkehr ausnutzend, über die Fahrbahn zu sprinten.

In der Fußgängerzone fragte ich einen älteren Herrn mit Fahrrad nach einem Fahrradhändler. Freundlich erklärte er mir den Weg und kam auch ein Stück mit. Obwohl er ziemlich schwerhörig war, gab es keine Mißverständnisse. Bei dem Händler ließ ich den Schlauch nachpumpen und kaufte mir einen neuen Hinterreifen, weil ich befürchtete, daß meiner es nicht mehr lange machen würde, bei den vielen Löchern und den ausgefransten Flanken. Hier war der Conti Grand Prix gleich 10 Mark teurer als bei meinem Lieblingshändler in Harburg.

Von Homburg nach Blieskastel ging es dann wieder flott voran. Kurz vor Blieskastel mußte ich mich an einem Stau anstellen, und zwei schrottreife Autos wurden von Abschleppwagen abgefahren. In Blieskastel erkundigte ich mich in einem Laden nach dem Weg nach Lautzkirchen bzw. der Brunnenstraße. Nachdem ich trotz der einfachen Wegbeschreibung nicht weiterfand, stand ich dann an der Straßenverzweigung eine Zeitlang dumm herum, verglich Karte und Realität und wurde aus beiden nicht schlau. Ein Radfahrer mit zwei Bechern sprach mich an, ob ich die Liegeradfahrerin aus Hamburg sei, die von Herrn Schwarzenberg erwartet werde. Die sei ich, bestätigte ich und wunderte mich, daß ich hier schon vor meiner Ankunft bekannt bin. Da Herr Schwarzenberg nicht mehr zu Hause war, nahm mich der nette Radfahrer zu sich und seiner Familie nach Hause. Sohn Baschdel, der mit seinem selbst gebauten Liegerad auch am Rennen teilnehmen wollte, fuhr mich mit dem Auto nach Bliesmengen zum Sportplatz. In der Tat war Hermann Schwarzenberg dort.

Ich stellte mich ihm und den vielen anderen aus dem Fahrerlager vor, und alle freuten sich über den Besuch aus dem "hohen Norden". Um Hermann Schwarzenbergs Langlieger hatte es einige Aufregung gegeben. Der war geklaut worden, und zwei Jungen aus der Nachbarschaft hatten ihn in einem Bach gefunden.

Mehrere kräftige Männer drängten sich darum, mein, d.h. Olafs Zelt aufzubauen. "Das kann ich doch selber" wurde nicht akzeptiert. Mit den anderen Fahrern und deren Familien, die alle aus dieser Gegend waren, verbrachte ich einen geselligen Abend. Nachdem die Disko zu Ende war, konnte man ruhig schlafen.Gefahrene Strecke: 82,09 km
Zeit: 4:29:01 h
Schnitt: 18,3 km/h


Gesamte gefahrene Strecke: 688 km

Der große Tag des Rennens war klar und sonnig, sogar recht warm. Ich ließ den Tag ruhig angehen, das Rennen sollte erst um 16.00 sein. Die Saarpfälzer hatten ihre Räder in einem Zelt ausgestellt, und ich hatte schon am Abend vorher meines dazu gestellt. Wegen des Fahrraddiebstahls hatten wir darauf geachtet, daß alle Räder gut angeschlossen waren.

Einer der Saarpfälzer Liegeradfahrer, der Bäcker ist, brachte eine große Schachtel voll Liegeradbrezeln, von ihm selbst gebacken, die die Kinder mit großem Eifer für je 5 Mark verkauften. Wir saßen in der Sonne, klönten, erklärten Besuchern das Liegerad im allgemeinen und im besonderen und machten Probefahrten auf Liegerädern anderer Leute. Mir hatte es besonders das Hurricane angetan, das Petra Engel im Rennen fahren sollte.

In die Turnhalle guckte ich auch mal kurz. Dort waren Stände einiger Fahrradgeschäfte aus der Umgebung, die in der Hauptsache Rennräder ausgestellt hatten. Das Veranstaltungsprogramm umfaßte unter anderem eine lustige saarländische Volkstanzgruppe und eine Gruppe von Kunstradfahrern mit ein und zweirädrigen Kunsträdern. Während ihrer Auftritte kostete ich lokale Spezialitäten.

Die Rennstrecke war ein nahezu viereckiger Rundkurs. Die Start und Zielgerade vor dem Sportgelände stieg nach 20 m leicht an bis sie hinter einem etwa 10 m langen Buckel in den abschüssigen Abschnitt mündete, der leicht kurvig verlief. Der folgende Abschnitt war eben und nach einer rechtwinkligen Kurve ging es wieder leicht bergauf zum Sportplatz. Eine Runde war 1,3 km lang, und es sollten 5 Runden gefahren werden. Zuerst fuhren die verschiedenen Kategorien der Männer: Die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen und dann die älteren Herren. Bei der letzten Kategorie waren drei Fahrer am Start, darunter Hermann Schwarzenberg. Bei den Frauen waren vier Fahrerinnen am Start: Die Saarpfälzerinnen Petra Engel und Sabine Bastuck, Nicole Schön und ich. Es war mein erstes Rennen gegen Nicole. Nach dem Start zeigte sich, daß der Leistungsstand sehr unterschiedlich war. Nicole war gleich auf und davon, an zweiter Position lag Petra Engel, die ich in der zweiten Runde kurz vor dem Buckel überholte und die Position auch bis zum Schluß hielt. Leider gab es niemanden, der die Runden zählte, und ich hatte mich verzählt, so daß ich in der fünften Runde nicht mehr wußte, ob es nun die vierte oder die fünfte war. Vorsichtshalber fuhr ich also noch eine Runde. Ich nahm es gelassen, als man mich auf meinen Fehler aufmerksam machte. Hier hatte ich mich mal ein bißchen austoben können! Und dann das erhebende Gefühl: Hinter Nicole hatte ich den zweiten Platz gemacht, allerdings mit einer guten Minute Abstand. Das war doch die weite Reise wert gewesen. Bei der Siegerehrung erwähnte der Sprecher, daß ich mit dem Rad von Hamburg angereist sei, und gleich stürzte sich ein Journalist einer Lokalzeitung auf mich, um mich auszufragen. Jede Fahrerin bekam eine Urkunde und als Preis eine Liegeradbrezel.

Den Rest des Tages verbrachten wir wieder mit Klönen und Essen. In der Nacht begann es zu regnen, so daß ich auf die für Sonntag vorgesehene RTF keine Lust hatte. Als ich so gegen 11 Uhr mal aus dem Zelt sah, kamen einige gesprenkelte, aber gut gelaunte Leute mit Mountainbikes vorbei.

Sonntag Mittag war die Veranstaltung zu Ende, und ich mußte von den gastfreundlichen Saarländern Abschied nehmen. Hermann Schwarzenberg bot mir an, noch zu ihm zu kommen und mir die Gegend anzusehen. Das großzügige Angebot nahm ich gerne an. Als wir am frühen Nachmittag über die Hügel nach Blieskastel fuhren, war es wieder trocken und sonnig. Die Fahrt war anstrengend, denn freiwillig wäre ich mit Gepäck nie so eine hügelige Strecke gefahren, aber kurzweilig, da Hermann Schwarzenberg die Geschichte der Gegend gut kennt und viel zu erzählen weiß. Wir wurden schnell gute Freunde.

Am Dienstag fuhr ich zu dem europäischen archäologischen Park an der Grenze zu Frankreich und besichtigte die Ausgrabungen im Tal der Blies, wo bei Rheinheim ein Landgut aus der Römerzeit und bei Bliesbruck ein Landstädtchen (Vicus) entdeckt worden sind. (Archäologisch interessierte HPVFreunde können näheres dazu bei mir erfahren, ich habe die Prospekte noch). Auf dem Rückweg machte ich Halt an der Orchideenwiese bei Herbitzheim. Der Hang ist aber so steil, daß man nicht mit dem Rad hinauf kommt, und ich hatte Mühe, mit den SPD-Schuhen den Feldweg hinanzuklettern. Auf der Wiese wachsen mindestens drei Arten von Orchideen, die zum großen Teil im Juni noch in Blüte waren. Als ich Hermann Schwarzenberg davon erzählte, sagte er, man dürfe diese Wiese garnicht betreten. Aber ich als Biologe zertrampele doch keine Blumen!

Gefahrene Strecke: 53 km

Ich glaube, ich habe mich trotz des Geländeprofils mit der Gegend angefreundet, denn die Hügel sind noch gut befahrbar, vor allem ohne oder nur mit leichtem Gepäck. Ist man erst einmal oben, genießt man einen wundervollen Ausblick über sanft gerundete Hügel, hübsche, gepflegte Dörfer und das Tal, in dem sich die Blies schlängelt.

Zurück nach Hamburg fuhr ich dann wenig abenteuerlich mit der Eisenbahn über Berlin, wo ich die üblichen Hamburger traf und am Liegeradfestival teilnahm.

Ingrid Krenz, Hüllbeen 12, D-21079 Harburg